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  der herbst der kleinen und großen dinge in polen

dreckig, wollüstig, satt, selbstzufrieden, fast herausfordernd höhnisch schaut er herab. nur die goldenen schwingen verraten ihn als engel. alles andere an ihm ist diesseitig, erdig. die lichten höhen hinter ihm verlocken ihn nicht, kontrastieren vielmehr seine sinnlichkeit. hinter ihm im licht steht sein gefolge, nackte arme aus plastikplanen zu ihm emporreckend. andere warten hinter gittern, fein ziselierten gefängnissen, auf platz und gelegenheit für ihre schwingen. umgeben von der weißen weite des mittagslichts und der danziger marienkirche.

ringsum reiht sich giebel an giebel, farbe an form ohne ende. an den leuchtenden fassaden kriechen die vielgestalten schatten der giebel der gegenüberliegenden straßenseite hoch. wenn sie das kobaltblau erreicht haben werden, werden sie über die farben gesiegt haben und die schmalen kopfsteinpflasterschluchten werden gänzlich in abend getaucht sein. noch ist es aber nicht soweit. noch sonnen sich die steinernen adler, engel, ritter und pferde an den bunten gieblspitzen im spätnachmittagslicht. und farbe ist überall - entspringt selbst dem schatten zum hohn.

stundenlang durch alleen fahren während zögerlich die nacht hereinbricht. immer gleiche immer andere abfolge von schatten im lichtkegel unserer scheinwerfer. hinter den silhouetten der alleebäume hat sich der himmel unwirklich orange und violett verfärbt. gegenüber steht der vollmond über den baumkronen, um ihn ein lichter schleier. aus den wiesen ringsum quellen nebel, sammeln sich zu seen - mehr fließen als schweben. wie schwere decken liegen sie über dem land. und wir fahren und fahren, scheuen anzuhalten und dadurch der nacht gelegenheit zu geben, herabzusinken und das bild auszulöschen. es riecht nach herbst, nach verbranntem holz, nach feuchten wiesen, pilzen und laub.

eine wunderbar lichte frühherbstliche tristesse hat sich des badeorts bemächtigt. an vielen souvenirbuden sind die rostigen rolläden bereits unten geblieben, an manch anderen drehen sich noch sturmzerzauste windräder im fahlen herbstlicht. vor dem strandhotel türmen sich laubdünen, eine verwitterte nymphe erhebt sich über einem rissig-trockenen brunnenbecken. auf den prommenaden sturmgebeugte flaneure. ein ort im limbus. der süßlich verwesende geruch nach abschied im wind und aus einem café tönt "aint no sunshine when she´s gone" hinaus auf den kai.

(september 2007)

   
   
   
   
  scotch

sonnenstrahlen tanzen auf unzähligen schwarzen metallspitzen - ein wald - darin blaue und weiße lichtungen mit schweren messingknöpfen - mythische gestalten. rhythmische abfolge - ein takt aus gitterstäben, treppen, granitquadern. mein breites grinsen läuft mit einem stöckchen die stäbe entlang.

in der luft dudelsackmusik und möwenschreie. vor mir ein klassizistischer tempel, die erinnerung an einen mr. stewart in den himmel reckend. dahinter sehen die tausend fenster der old town aus ihrem granitgebirge über die northbridge zu mir herüber. im düsteren gegenlicht tragen schwarze türme william turners himmel. noch warte ich auf sonnenfetzen über dem castle, noch negiere ich, dass es eigentlich schon seit einiger zeit regnet.

gotische spitzbögen reißen löcher in den himmel. massive säulen reichen nicht mehr in die ewigkeit hinan. das streben nach höhe und licht nur noch angedeutet. verwitterte kapitelle, zu denen sich keine säulen mehr erheben. grabplatten, deren inschriften nicht mehr lesbar sind. ästhetik der vergänglichkeit. kein dach mehr, das wünsche und gebete unter sich beherbergen könnte. schön, wenn das licht herein kann. auch wenn es das fahle unter tiefhängenden wolken hervorsickernde licht des schottischen morgens ist.

(august 2007)

   
   
   
   
  blau, gelb, rot, orange, violett, grün -
  die girlanden, fahnen, luftballons, papierblumen im sommerhimmel
   
  rot -
  die kirschen, decken und pölster im teegarten
   
  silbrig glitzernd -
  die wasserpfeifen und das gelächter
   
  dann violett und nachtblau -
  die wolkentürme über dem alberner hafen
   
  orange -
  der himmel hinter den schornsteinen
   
  rot -
  die vereinzelten grablichter auf dem friedhof der namenlosen
   
  grau -
  das spielzeug am grab des ertränkten elfjährigen jungen
   
  blutig -
  das hemd auf der straße vor dem café schopenhauer spät in der nacht im regen
   
  (juni 2007)
   
   
   
   
  rom im frühling

durch die nachtliche stadt schlendern. pinien werfen wolken aus schatten auf den samthimmel. spärliche lichter, wildes durcheinander. auf steilen prunktreppen sitzen und in das schemenhaft guirrlende leben der nacht hinunterschauen. auf dem fast leeren petersplatz umfangen die kolonnaden wie ausgestreckte arme die letzten passanten. streng symmetrisches spiel aus licht und nacht.

vorbei an üppig überquellenden gärten voller orangen, zitronen, palmen, blühenden magnolien und mimosen. pinien überdachen eine lebendige szenerie bevölkert von flaneuren, zeitungslesern, spielenden hunden und müßiggängern. den römern bei ihren frühling-im-park-gewohnheiten zusehen.

steinerne engel mit mädchenhaft milden gesichtern und gegenlicht unter ihren schwingen stehen gemeinsam mit afrikanischen straßenhändlern spalier auf dem weg zur engelsburg. wolkenfetzen jagen tief durch das südliche nachmittagslicht. das spiegelbild der antiken brückenbögen badet im fluss. dem licht folgen.

der römische frühling hat ein hochnebelgraues tuch um die schultern der stadt gelegt. die marktstände am campo dei fiori quellen über. resolute marktfrauen in bunten schürzen, alte herren mit verwitterten gesichtern auf wackligen klappstühlen mit bedeutenden mienen und raumgreifenden gesten ins gespräch vertieft. jene, die nur schnell ein paar zutaten fürs mittagessen geholt haben, eilen mit gebauchten säcken vorbei, die anderen stranden an den gstaden des marktes - einem ufer aus bars,

in santa maria di trastevere - auf einer der letzen kirchenbänke beugt sich eine alte frau tief über ein abgegriffenes album voll mit postkartengroßen marienbildern. akribisch einem mir geheimnis bleibendem rhythmus folgend, ordnet sie die bilder immer wieder neu. versunken. aufgehobene zeit.

(februar 2007)

 

© by Alexandra Gröller   |   Erstellt am 05.03.2007   |   Letztes Update 02.11.2007   |   Impressum